Die Justizvollzugsanstalt Lingen: Denkmalschutz – betreten verboten?

16. Juni 2026


Ein Denkmal mitten in der Stadt, das kaum jemand betreten darf: Die Justizvollzugsanstalt (JVA) Lingen stand im Schuljahr 2025/26 im Mittelpunkt eines gemeinsamen Forschungsprojekts des Gymnasiums Georgianum und der Gesamtschule Emsland. Unter dem Titel „Die Justizvollzugsanstalt Lingen: Denkmalschutz – betreten verboten?“ untersuchten Schülerinnen und Schüler die Geschichte, Architektur und heutige Bedeutung des denkmalgeschützten Areals.

Ausgangspunkt war die Frage, wie Denkmalschutz an einem Ort vermittelt werden kann, der aus Sicherheitsgründen nur eingeschränkt zugänglich ist. Durch Archivarbeit, Exkursionen, Gespräche mit Mitarbeitenden der JVA sowie eigene Forschungsprojekte gingen die Jugendlichen dieser Herausforderung nach. Dabei entdeckten sie, dass die heutige Justizvollzugsanstalt weit mehr ist als ein Gefängnis.

Ursprünglich zwischen 1833 und 1835 als Kaserne errichtet, wurde die Anlage später zum Frauenzuchthaus und Arbeitshaus umgebaut. Bis heute prägen historische Gebäude wie das Direktorenhaus, die Kirche, die Bäckerei und die Gefängnismauer das Stadtbild. Eine Projektgruppe stellte das Areal sogar mithilfe eines 3D-Drucks plastisch dar.

Ein weiterer Schwerpunkt war das Leben der Gefangenen damals und heute. Die Schülerinnen und Schüler verglichen historische Quellen mit dem modernen Haftalltag und erkannten, wie sich die Ziele des Strafvollzugs verändert haben. Während im 19. Jahrhundert harte Arbeit und Disziplin im Vordergrund standen, liegt heute der Fokus auf Resozialisierung, Bildung und der Vorbereitung auf ein Leben nach der Haft. Besonders eindrucksvoll waren die Recherchen im Niedersächsischen Landesarchiv in Osnabrück. Dort rekonstruierten die Jugendlichen anhand von Originalakten die Lebensgeschichten ehemaliger Insassinnen und Insassen. Die Dokumente zeigten, wie eng soziale Not und Kriminalität im 19. Jahrhundert oft miteinander verbunden waren.

Auch die Rolle der Strafanstalt während der NS-Diktatur wurde untersucht. Die Schülerinnen und Schüler recherchierten die Zusammenarbeit mit den Emslandlagern und rekonstruierten Einzelschicksale politisch Verfolgter. Dadurch wurde deutlich, dass die Gebäude der heutigen JVA nicht nur Baugeschichte, sondern auch die Erinnerung an Unrecht und Verfolgung bewahren. Das Projekt machte deutlich, dass Denkmalschutz weit mehr ist als der Erhalt alter Gebäude. Historische Orte vermitteln Identität, machen Geschichte sichtbar und helfen dabei, die Gegenwart besser zu verstehen. Für die Beteiligten wurde die JVA Lingen zu einem außergewöhnlichen Lernort und zu einem Fenster in fast 200 Jahre Stadt-, Sozial- und Zeitgeschichte.

Text und Bild: Yasmin Späth