Die Reise markiert für uns den entscheidenden Übergang von der rein theoretischen Arbeit, hin zur praktischen, wissenschaftlichen Quellenarbeit. Mit Blick auf die in wenigen Monaten anstehende Facharbeit hat diese Fahrt das komplizierte Thema des DDR-Überwachungsstaates nachvollziehbar gemacht und ein starkes inhaltliches sowie methodisches Fundament für den gesamten anstehenden Schreibprozess gelegt.
Ein erster entscheidender Schritt war der Besuch der Gedenk- und Bildungsstätte „Andreasstraße“. Es ist ein historisch wichtiges Gebäude, das über Jahrzehnte als Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit genutzt worden ist. Im Dezember 1989 wurde sie als erste Stasi-Bezirksverwaltung von mutigen Bürger:innen besetzt und vermittelt nun durch die historische Führungen einen prägenden Eindruck des Systems der Unterdrückung und Überwachung in der DDR. Der Rundgang der engen Zellen und die Details zu den Haftbedingungen machten deutlich, wie psychologischer Druck und systematische Einschüchterung im Alltag einer Diktatur funktionierten.
Die anschließende Führung durch das sog. „Stasi-Unterlagen-Archiv“ in Erfurt, das heute vom Bundesarchiv betreut wird, machte uns mit der praktischen historischen Arbeit vertraut. Die einmalige Gelegenheit, durch originale Akten blättern zu können, war ein großer Unterschied zu unserem schul-typischen Unterricht. Zu sehen, wie genau und lückenlos das Ministerium für Staatssicherheit das Leben einzelner Menschen dokumentierte, hat uns auch veranschaulicht, wie man historische Dokumente korrekt analysiert – eine wichtige Fähigkeit, um später Dokumente im Unterricht oder in der eigenen Arbeit richtig zu analysieren und auszuwerten.
Den unumstrittenen Höhepunkt der gesamten Seminarfahrt bildete das Zeitzeugengespräch mit Jörg Drieselmann und Dr. Matthias Wanitschke, das ebenfalls im Archiv stattfand. Während Dr. Wanitschke die historische Aufarbeitung im Detail erklärte, berichtete uns Jörg Drieselmann von seiner bewegenden Biografie. Er berichtete von seinem Widerstand gegen das SED-Regime, seinem extremen Drang nach Freiheit im stark beschränkten Alltag und den harten Konsequenzen: Schon als Jugendlicher wurde er von der Staatssicherheit in Erfurt inhaftiert und später wegen angeblicher staatsfeindlicher Hetze zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, bevor er glücklicherweise durch die BRD freigekauft wurde.
Meiner Meinung nach war es vor allem dieses persönliche Gespräch, das einen bleibenden Eindruck gemacht hat. Es hat mir ungemein geholfen, mir das alltägliche Leben und das ständige Gefühl der Bedrohung in der DDR überhaupt erst richtig vorzustellen. Die emotionalen Schilderungen haben verdeutlicht, dass hinter jeder Akte das Leben eines echten Menschen steht. Das persönliche Gespräch hat mir gezeigt, dass Geschichte nicht nur aus Jahreszahlen besteht, sondern aus Lebensgeschichten vieler Menschen, die bis heute spürbar sind und uns nicht loslassen, sondern nachdenklich machen.
Zusammenfassend war die Fahrt nach Erfurt eine große Hilfe und eine wichtige Erfahrung. Im Zusammenspiel aus historischem Ort, originaler Aktenrecherche und dem entscheidenden Dialog mit Zeitzeugen sind die wichtigsten Grundlagen gelegt, um das Thema im weiteren Verlauf des Schuljahres reflektieren und aufarbeiten zu können.
Durch diese gemeinsamen Erfahrungen fühlen wir uns nun viel besser vorbereitet, uns weiter mit diesem bewegenden Thema auseinanderzusetzen, da wir die historischen Schauplätze mit eigenen Augen gesehen haben.
Text: Maja Labesius, Bilder: Stefan Roters