Die Schülerinnen und Schüler aus dem neunten Jahrgang besuchten unter fachkundiger Führung einzelner Mitglieder des Forums jüdische Orte in Lingen – wie den Jüdischen Friedhof, das sog. „Judenhaus“ und schließlich den Gedenkort „Jüdische Schule“. Die Exkursion startete mit der Erkundung des Jüdischen Friedhofs, wobei zunächst die Besonderheiten und Unterschiede zum dem Alten Friedhof herausgestellt wurden. Werden die Toten nach dem christlichen Ritus beispielsweise in kleinen Parzellen bestattet, so finden sich auf dem Jüdischen Friedhof oft nur Grabsteine. Sie markieren dabei aber nicht unbedingt die konkrete Grabstelle des Verstorbenen. Neben den weiteren gestalterischen Besonderheiten, wie zum Beispiel das Nebeneinander von hebräischen und lateinischen Inschriften auf den Gräbern, wies Georg Wichmann vom Forum Juden-Christen auf die Schicksale der Verstorbenen hin – und hierbei besonders auf das von Jacob Wolff. Dieser kam 1922 als Kaufmann nach Lingen und leitete zusammen mit seiner Frau Emma das Textilgeschäft ihrer Eltern; 1925 wurde er der Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Lingen und sollte ihr letzter sein. Denn nach dem Boykott jüdischer Geschäfte ab 1933 und der verschärften Gesetzgebung gegen Deutsche jüdischen Glaubens mit den sog. „Nürnberger Rassegesetzen“ gipfelte die öffentliche und staatliche Diskriminierung mit der Reichspogromnacht 1938 in der Zerstörung der Lingener Synagoge und der Inhaftierung von Jacob Wolf im KZ Buchenwald. Er starb 1941 an den Folgen der Haft und musste heimlich beerdigt werden.
Die nächste Station des Rundgangs war der ehemalige Standort des Wohnhauses der Familie Wolff, vor dem ein sog. Stolperstein für Emma Wolff im Boden verlegt ist. Diese kleine Gedenktafel erinnert – so die Referentinnen Bernhardine van Olfen und Anne Gottschalk vom Forum Juden-Christen – an ihr Schicksal. Sie wurde nach dem Tod ihrer Mannes gezwungen, weitere jüdischen Mitbürger aus Lingen und um zu in ihr Haus, später dann als das „Judenhaus“ bekannt, aufzunehmen. Im Jahr 1942 wurde sie dann nach Theresienstadt verschleppt; 1944 deportierte man sie nach Auschwitz, wo sie ermordet wurde. Zum Gedenken an sie säuberte ein Schüler den Stolperstein für Emma Wolff.
Mit dem Besuch der ehemaligen Jüdischen Schule endete die Exkursion. Diese ehemalige Sonntagsschule zur Unterweisung in Hebräisch und in die Thora überstand die gewaltsame Zerstörung der Synagoge, wie Bernhardine van Olfen und Anne Gottschalk nach einem Überblick über die Entstehung der Gemeinde herausstellten.
Mit der Auswahl der Orte, aber besonders mit der Schwerpunktsetzung auf Einzelschicksale gelang es den Referenten, eindrucksvoll zu verdeutlichen, wie sich die Lebensumstände für die jüdischen Mitbürger immer mehr in eine Welt gewalttätiger Ausgrenzung und Verfolgung verformte. Es gelang ihnen auch, den Schülern mit dem Rückgriff auf zentrale Bestimmungen des Grundgesetzes die Bedeutung für unsere Gegenwart aufzuzeigen, nämlich, wie wichtig der Schutz der Menschenrechte ist.
So hat diese gemeinsame Veranstaltung mehr als deutlich gemacht, wie zentral es ist, an das Gestern zu erinnern und dem heute zu gedenken, aber auch zu mahnen, dass sich Geschichte nicht wiederholen darf.So sollte uns der Ausspruch von Margot Friedländer, einer Überlebenden des Holocaust, als Leitgedanke dienen: „Schaut nicht auf das, was euch trennt. Schaut auf das, was euch verbindet.“ Und das ist die Menschenwürde.
Text und Bild: Stefan Roters